Unsere Mission

KOLJA RAIC KOHNEN (1985–2012) Die Kunst Kolja Raic Kohnens entstand im Verborgenen. Als Spiegel stärkster Seelenzustände entlud sie sich explo- sionsartig, allerdings nicht in großer Geste auf riesiger Leinwand, sondern unauffällig in Form digitaler Grafiken am Computerbildschirm. Jenseits des Nadelöhrs der Rechneroberfläche schuf der technisch versierte Bochu- mer Physik-Student Kohnen – von sei- ner Umwelt unbemerkt – eine hoch- expressive, surreale Welt. Unheimliche Augenwesen, groteske Vogelgestalten und bedrohliche Schatten vor apo- kalyptischen Farbgründen bevölkern diesen digitalen Kosmos, drängen sich uns mal entgegen, um dann wieder unserem Blick zu entfliehen. Eine übervolle Welt von Empfindungen und Gesichten, von verzerrten Formen und Textfragmenten stürzt auf den Betrachter zu. Dazwischen finden aber auch immer wieder abstrakte Muster, zarte Federstrukturen und stimmungs- voll getünchte Landschaftsaufnahmen einen Platz. Lakonische Einwürfe im Comic-Stil offenbaren ein geistreiches, humorvolles Wese

Für uns stehen großartige, expressive Gemälde im Mittelpunkt.


Bereits seit der Jugend an einer Bipo- laren Störung leidend, fand Kohnen in der Malerei am Computer einen Weg, den heftigen Schwankungen zwischen Depression und Manie zumindest kurzfristig Herr zu werden. Erst nach seinem krankheitsbedingten Suizid 2012 entdeckten die Eltern die Werke ihres Sohnes auf dem Rechner. Kohnens Bilder gewähren eindrucks- volle Einblicke in die nach außen nur schwer vermittelbaren Gemütszu- stände eines psychisch Erkrankten. Ungeachtet dessen jedoch, dass sich in Kohnens Bildwelt regelmä- ßig psychopathologisch assoziierte Gestaltungsmittel aufzeigen lassen darf man weder den gestalterischen Impuls noch die Ausdrucksabsicht ausschließlich der manisch-depres- siven Erkrankung zuschreiben. Viele Bilder verdanken ihre Ausdrucksqua- lität nicht oder nur sehr mittelbar der psychiatrischen Extremlage, sondern belegen in ihrer ästhetischen Qualität eine auch autonom vorliegende künst- lerische Begabung. Das sich solcherart zwischen den beiden Polen manischer Entäußerung und reflektierter Ge- staltung etablierende Werk Kohnens fordert den Betrachter immer wieder auf, die verschiedenen Ebenen der Realitätserfahrung, der Empfindung, des Erlebens und der Vision neu zu relationieren. DON’T HOLD TOO TIDE TO THE REAL Die schwerste Hypothek bei der Bewältigung seiner Krankheit ist für den Manisch-Depressiven die erkrankungsbedingt zeitweise einge- schränkte Fähigkeit zur Einschätzung von Situation und Selbst sowie das schmerzhafte Gewahrwerden dieses existenziellen Verlustes in Phasen rela- tiver Gesundheit. In der künstlerischen

Manifestation gelingt dem Künstler temporär die Lösung einer paradoxen und dilemmatischen Aufgabe, nämlich ein wirklichkeitsfremdes und wider- sprüchliches Gefühlsleben in eine objektivierbare Realität zu transfor- mieren. Das Bild macht Widersprüche greifbar und wird zum Anker. Bipolare Störungen sind schwere, mitunter lebensbedrohliche Erkran- kungen und bedürfen medizinischer Behandlung. Dass sie auch eine Quelle von Kunst sind, mag uns befrem- den. Diese ästhetisch zu genießen, verharmlost nicht die Krankheit, sondern würdigt auch den erkrankten Menschen als ganzen Menschen.

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